Neustart im Beruf

Fiktionale Kurzgeschichte von Hartmut Sieper

„Sie sollen sofort zum Chef kommen!“

Frank Winter, Senior Consultant einer internationalen Unternehmensberatungsgesellschaft in Frankfurt am Main, machte sich auf den Weg. Den obersten Boss ließ man besser nicht warten.

 „Sie kennen einen unserer wichtigsten Klienten, die Vaihinger Werke?“ sagte der Leiter der Deutschland-Niederlassung.

Winter nickte. Dort hatte er ein Beraterteam geleitet zur Maßnahmen und Umsetzung von Rationalisierungen.

„Das Unternehmen in ernsten Schwierigkeiten. Der Corona-Lockdown im letzten Jahr, akute Lieferkettenprobleme und die Energiewende der Bundesregierung sind wie ein perfekter Sturm, der auf die ganze Branche zurast und die Vaihinger Werke bereits voll erfasst hat. Jetzt sind auch noch zwei Vorstandsmitglieder ausgefallen, und die Familie hat uns um sofortige Unterstützung gebeten.“

Frank Winter war sich fast sicher, worauf das Ganze hinauslaufen würde. Es würde um Entlassungen gehen. Radikale Maßnahmen ließen sich der Belegschaft besser verkaufen, wenn sie von einem externen Berater initiiert wurden. Das alte Spiel also.

„Wann soll ich dort anfangen?“

„Gleich morgen früh“, antwortete sein Chef mit ernstem Blick.

Die finanzielle Situation der Vaihinger Werke war dramatisch. In der nächsten Woche stand ein Großkredit zur Verlängerung an, für dessen Vergabe die Frankfurter Zentrale der Hausbank des alteingesessenen Familienunternehmens zuständig war. Der Leiter der Kreditabteilung hatte durchblicken lassen, dass die Genehmigung auf der Kippe stand. Es musste etwas passieren, und zwar schnell.

Winter machte sich nichts vor: Gerade für den Mittelstand waren schlimme Zeiten angebrochen, und viele Beschäftigte mussten um ihren Job fürchten.

Am frühen Abend empfing ihn Professor Dietrich Mertens, der Aufsichtsratsvorsitzende der Vaihinger Werke: „Ich bin froh zu hören, dass Sie als Interimsmanager unser Leitungsteam verstärken. Wir sind in schweres Fahrwasser geraten, wie Sie wissen.“ 

Frank Winter nickte. In der nächsten halben Stunde sprachen sie über die sich zuspitzende Situation der Automobilindustrie in Deutschland. Auch andere Branchen waren gefährdet, darunter die gesamte Finanzwirtschaft, deren Geschäftsmodell wegen der Negativzinsen nicht mehr funktionierte.

„Angesichts dieser düsteren Zukunftsaussichten wird die Bank von uns harte Einschnitte verlangen. Ich fürchte, wir müssen die geplante Stilllegung des Hauptwerkes vorziehen; die notwendigen Ersatzinvestitionen rechnen sich nicht mehr.“

Frank Winter wusste, was das bedeutete: Betriebsbedingte Kündigungen. Die größte Entlassungswelle, die es in dem Unternehmen je gegeben hatte.

„Unserer Familie ist es besonders wichtig“, fuhr Professor Mertens fort, „dass unser guter Ruf nicht leidet, und dass uns ausscheidende Mitarbeiter gewogen bleiben. Zuallererst muss das Unternehmen überleben, um zumindest einen Teil der Belegschaft halten zu können.“

Worum ging es hier? Ein Traditionsunternehmen kollabieren zu sehen, dass man über Generationen aufgebaut hatte. Eine Produktion einstellen zu müssen, obwohl man sie aus tiefster Überzeugung weiterführen möchte. Dazu gezwungen zu sein, bewährte Mitarbeiter zu entlassen, obwohl man sie später wieder brauchen würde. Rationale strategische Überlegungen nicht aussprechen zu dürfen aus Angst, als nicht konform Denkender fortan keine Aufträge mehr zu bekommen und von staatlichen Fördermitteltöpfen ausgeschlossen zu werden.

Am nächsten Morgen begann die Krisensitzung des Vorstands der Vaihinger Werke um Punkt neun Uhr. Frank Winter wurde als Interimsmanager vorgestellt.

Der wichtigste Tagesordnungspunkt war die Prolongierung des Bankkredits. Der Finanzvorstand präsentierte die Quartalszahlen und wies auf die Schwachpunkte der Bilanz hin.

 „Was müssen wir tun, um den Kredit verlängert zu bekommen?“ fragte der Vorstandsvorsitzende.

„Wir müssen massiv Kosten einsparen, und zwar sofort. Ich fürchte, wir kommen um Entlassungen nicht herum.“

Winters Freundin, Susanne Bergmann, Fachanwältin für Arbeitsrecht in einer Stuttgarter Kanzlei, empfing ihn etwas frostig, als er sie am Abend in ihrer Wohnung aufsuchte.

„Ein Betriebsratsmitglied der Vaihinger Werke hat meine Kanzlei heute Nachmittag bei der Formulierung von Kündigungsschutzklagen um Hilfe gebeten. Ihr könnt doch nicht einfach die Hälfte der Mitarbeiter feuern!“

Während sich Frank Winter am nächsten Morgen sich Winter gründlich in seine neue Aufgabe einarbeitete, diskutierte Susanne Bergmann in ihrer Kanzlei mit mehreren Betriebsrats- und Gewerkschaftsmitgliedern der Vaihinger Werke die aktuelle Lage.

“Wo sollen denn die Leute neue Jobs herbekommen, wenn überall in der Branche auf Teufel komm raus rationalisiert wird?“ polterte der Betriebsratsvorsitzende. Der Gewerkschaftsvertreter hatte zuerst an Streik gedacht, doch das war keine Option. Wenn sowieso Produktionslinien stillgelegt werden sollten, barg eine Produktionsunterbrechung die Gefahr, dass die Entlassungen noch schneller durchgezogen wurden.

Existenzen standen auf dem Spiel. Auf die zu Entlassenden kamen schwere Zeiten zu. Neue Jobs zu finden war praktisch aussichtslos. War Hartz IV das unvermeidliches Schicksal für die Betroffenen?

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