Zurück aus der Zukunft

Fiktionale Kurzgeschichte von Hartmut Sieper

Prolog

Wer träumte nicht schon einmal davon, in die Zukunft sehen zu können? Nicht nur zu vermuten, sondern zu wissen, was auf uns zukommt?

In dieser Geschichte wird es möglich. Setzen wir uns in eine Zeitmaschine und katapultieren wir uns zehn Jahre in die Zukunft. Wie wird sich die Welt entwickelt haben? Welche Veränderungen gab es in der Wirtschaft, bei den politischen Systemen, und im alltäglichen Leben? Und welche Rolle spielten dabei die Free Prosperity Zones und die Freien Privatstädte?

Wir verlassen die Zeitkapsel im Jahr 2031. Unglaublich viel hatte sich in der Welt verändert im Vergleich zu 2021 – damals, als die großen Umwälzungen gerade erst begonnen hatten.

Kapitel 1

Dr. Robert Meldorf war spät dran. In einem offenen Jeep hatte ihn ein Fahrer vom Flughafen abgeholt. Eine letzte Kurve nach dem Verlassen des Flughafengeländes, dann beschleunigte der Wagen. Er wollte auf direktem Weg in die Free Prosperity Zone gelangen.

Der Anblick des von Palmen gesäumten Strands aus feinem, weißem Sand und die friedliche Szenerie in dem nahe gelegenen Fischerdorf ließen ihn unbeeindruckt. Zu wichtig war das heutige Gespräch, und zu gravierend dessen möglichen Folgen. Meldorf war aufgeregt, und die tropische Hitze trieb ihm die Schweißperlen auf die Stirn.

Während er den kühlenden Fahrtwind genoss, zogen in Gedanken die letzten fünf Jahre seines Lebens an ihm vorbei. Nachdem er seinen Posten als Gastdozent für Experimentelle Radiochemie und Nanotechnologie an der renommierten Universität von Singapur aufgegeben hatte, hatte er mit einem Kernphysiker, einem Maschinenbauingenieur und einem wohlhabenden Privatinvestor sein eigenes Forschungsunternehmen gegründet. Dort gelang ihm die Synthese eines völlig neuartigen Stoffes, der die Grundlagen der Chemie auf den Kopf stellen sollte. Die Materialeigenschaften waren verblüffend. Niemand hatte so etwas erwartet. Der große Durchbruch, auf den sie gehofft hatten, war plötzlich da. Die Möglichkeiten schienen unbegrenzt.

Und damit kamen die Probleme. Trotz umfangreicher Vorsichtsmaßnahmen gelang es dem Forscherteam nämlich nicht, die revolutionäre Neuentdeckung geheim zu halten. Vor einigen Wochen bekam Robert Meldorf unangemeldeten Besuch. Von Abgesandten des mächtigen Green Empire, wie der einen großen Teil der Welt umspannende Staatenbund sozialistisch-ökologischer Prägung genannt wurde. Sie wollten seine Technologie haben. Exklusiv. Doch das war nicht das, was er sich vorstellte. Er wollte seine Technologie weltweit eingesetzt wissen, und vor allem die ärmeren Länder sollten in den Genuss der Neuerungen kommen.

In diesem Moment wurde er von dem Fahrer aus seinen Gedanken gerissen. „Schauen Sie“, sagte dieser, mit seiner Hand auf ein großes Schild am rechten Straßenrand zeigend, „Wir passieren jetzt die Grenze zur FPZ!“ Mit diesem Kürzel  wurde die Free Prosperity Zone gemeinhin abgekürzt.

Die FPZ nahm auf der langgestreckten Karibikinsel nur eine relativ überschaubare Fläche ein – mit genug Platz für eine Stadt und mehreren kleinen Siedlungen, zwei Häfen, Gewerbegebieten und ausreichend landwirtschaftlicher Nutzfläche, sowie einem Anteil am Regenwald in der Inselmitte. Robert bemerkte schnell den Unterschied zur restlichen Insel – zuallererst am deutlich besseren Straßenbelag. Als nächstes wurde seine Aufmerksamkeit auf drei Schilderpaare gelenkt, die in Abständen von hundert Metern auf beiden Seiten der Straße angebracht waren. Sie enthielten nur jeweils ein einziges Wort in großen, schwarzen Buchstaben. FREEDOM stand auf dem ersten Plakat,  PROSPERITY auf dem zweiten und SELF-DETERMINATION auf dem dritten – jeweils mit einem Ausrufezeichen versehen. Freiheit, Wohlstand und Selbstbestimmung. Fühlt sich gut und richtig an, dachte Meldorf.

Ganz im Gegensatz zu dem aufgewühlten Zustand, in dem ihn die Abgesandten des Green Empire vor einigen Wochen zurückließen. Derjenige, der sich als Gordon McClure vorgestellt hatte, jagte ihm mit seinen eiskalten, berechnenden Blicken einen Schauer über den Rücken. In der folgenden, ziemlich schlaflosen Nacht suchte Meldorf nach einem Ausweg aus der Situation. Er erinnerte er sich an eine Begegnung auf einer internationalen Konferenz in Zürich. Dort hatte er vor einigen Jahren die Bekanntschaft von Dr. Adrian Weiss gemacht, der von dem Konzept von Free Prosperity Zones und freien Privatstädten gesprochen und ihn sehr beeindruckt hatte.

Kurz entschlossen kramte er am nächsten Morgen dessen Visitenkarte hervor und rief ihn an. Dr. Weiss und er sprachen in den folgenden Tagen mehrmals miteinander und vereinbarten schließlich ein Strategietreffen in der von ihm geleiteten Free Prosperity Zone. Dies war das Meeting, weswegen er hier war. Die Zeit drängte, denn die Bedenkzeit, die ihm die Männer gegeben hatten, war beinahe verstrichen.

Meldorfs Herz begann schneller zu schlagen. Er hielt es für eine interessante Alternative, seine Technologie im freien Teil der Welt zu vermarkten. Zumindest war dies eine Option, die er mit seinem Besuch in der FPZ ausloten wollte. Große Erwartungen hatte er nicht, denn mit Weltstädten wie New York, Paris, Brüssel oder Shanghai war diese kleine Sonderwirtschaftszone noch nicht einmal ansatzweise vergleichbar.

Er konnte nicht ahnen, dass sein Leben noch an diesem Wochenende eine entscheidende Wendung nehmen würde.

Kapitel 2

Zwei Tage zuvor.

Christian Schneider, von seinen Freunden und seinen englisch sprechenden Kollegen Chris genannt, hatte erst vor wenigen Wochen seinen neuen Job in der Europazentrale des Ministeriums für Technologie-Transfer in Berlin begonnen. Eines Tages rief sein Vorgesetzter ihn zu sich.

„Herr Schneider, Sie wurden von unseren Kollegen in Amerika zu einer wichtigen Mission angefordert. Sie werden noch heute nach New York aufbrechen!“

Chris war angenehm überrascht. „Worum handelt es sich?“

„Wie Sie wissen, ist es die Hauptaufgabe unserer Abteilung, die Entwicklung neuer Technologien im Ausland genauestens zu verfolgen. Sobald wir zu der Erkenntnis gelangen, dass eine Erfindung Erfolg versprechend ist, wollen wir die weitere Entwicklung – nun, sagen wir einmal, kontrollieren. Die besten Zukunftstechnologien müssen wir auf jeden Fall zu uns bringen. Immerhin ist das Green Empire der größte Markt auf der Welt.“

Das war Chris natürlich bekannt. Er wartete darauf, dass sein Chef konkreter würde.

„Wir haben von einem Durchbruch bei der Herstellung eines neuen Werkstoffs erfahren. Er soll über erstaunliche Eigenschaften verfügen, was für die Energiebranche extrem wichtig sein könnte. Das Erfinderteam hat inzwischen einen Prototyp fertiggestellt und ist jetzt auf der Suche nach Partnern. Es besteht wohl schon ein Kontakt zu unseren New Yorker Kollegen, doch die Gespräche waren bisher nicht zufriedenstellend. Stattdessen soll sich der Erfinder an den Leiter von einem dieser kleinen Gebilde, die sich Free Private Cities oder Prosperity Zones nennen, gewandt haben.

Wir müssen verhindern, dass diese Erfindung in die falschen Hände gerät. Überzeugen Sie den Erfinder, dass seine Technologie bei uns am besten aufgehoben ist. Er soll deutscher Abstammung sein, wie ich höre, also holen Sie ihn am besten hier zu uns nach Berlin.“

„Klingt sehr interessant!“, meinte Chris. „Aber welche Argumente können wir ins Feld führen? Diese Privatstädte werben aggressiv mit ultimativen Freiheiten für Unternehmer und Innovatoren. Wenn so ein Erfinder erstmal von diesem Freiheitsvirus gepackt wird …“

Chris‘ Vorgesetzter zog die Augenbrauen hoch. „Jaja, ich weiß. Aber glauben Sie mir, die schiere Größe unserer Absatzmärkte wiegt viel schwerer als dieses Freiheitsgetue. Und sich für das höhere Ziel des Gemeinwohls einzusetzen ist doch viel erfüllender als kurzfristigen Egoismen zu frönen. Oder sehen Sie das anders?“

„Nein, natürlich nicht“, beeilte sich Chris zu sagen, obwohl er davon insgeheim nicht völlig überzeugt war. „Nachhaltigkeit ist das Wichtigste, alles andere ist untergeordnet.“

„So ist es. Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass alle neuen Technologien für das Wohl des Planeten und der menschlichen Gesellschaft eingesetzt werden. Eigene Vorstellungen der Erfinder und finanzielle Interessen von Investoren können da leicht störend wirken.“

„Aber …“ setzte Chris an, doch sein Chef ließ sich nicht unterbrechen: „Und darum müssen wir die Kontrolle bekommen und unter allen Umständen behalten. Am Ende kommen die Erfinder ohnehin zu uns. Wenn nötig, verleihen wir unserem Angebot den nötigen Nachdruck. Unsere amerikanischen Kollegen sind sehr überzeugend darin.“

„Haben die eigentlich nach mir gefragt, weil ich Deutscher bin?“, fragte Chris nach.

„Ja, vermutlich. Aber ich glaube, da steckt noch mehr dahinter. Jemand aus Ihrem persönlichen Netzwerk scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Seien Sie wachsam und geben Sie Ihr Bestes! Ein solcher Einsatz ist gut für Ihre Karriere.“ Mit diesen Worten stand sein Chef auf und verabschiedete Chris mit einem Handschlag.

Am nächsten Tag befand sich Chris bereits in New York. In seiner Jugendzeit war Amerika sein großer Traum gewesen. Der Duft von Freiheit und Abenteuer, vom Tellerwäscher zum Millionär, der weite Himmel über den Prärien von Montana. Unwillkürlich kamen ihm diese Gedankenfetzen wieder in den Sinn, als er vom John F. Kennedy Flughafen mit dem Expresszug nach Manhattan hineinfuhr …

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